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Donnerstag, 26. Januar 2012

Mikronationen und Utopien – Der Trailer zum Film von Bruno Schlatter (Video und Einladung nach Wien)

LeserInnen unseres Blogs erinnern sich an die grosse Sommerreise unseres MitMachers, Künstler, Schriftsteller und jetzt Filmer Bruno Schlatter im Jahre 2010. 100 Beitrage sind erschienen und mittlerweile gibt es diese auch als handfestes Buch, nix virtuell oder so...

Schlatter hat seine Reise filmisch dokumentiert. Daraus ist ein über 90 Minuten-Film entstanden, der bereits in Aarau vor Publikum gezeigt wurde, im Aargauer Kunsthaus (Jahresausstellung).

Jetzt wird der Film am 2. Februar 2012 um 20:30 Uhr im Verein 08, Piaristengasse 60, Wien (hier) gezeigt.

Mehr aus des Produzenten Schrifthand, bzw. Infos aus erster ErlebnisQuelle gibt es beim BegleitText zum Video auf YouTube > hier.

Das ganze Reiseprogramm findet sich > hier
Die aktuellen Beiträge von Bruno Schlatter sind > hier

   

Mittwoch, 29. Dezember 2010

Schlatter Unterwegs: Die BlogBeitraege in Einzelteilen – Ein Inhaltsverzeichnis des besonderen Highlights


Ein Ein-Linien-Porträt - Klaus Büsen von Bruno Schlatter

Ein besonderes Highlight im zu Ende gehenden Jahr 2010 sind die Berichte des Schriftstellers und Künstlers Bruno Schlatter. Ueber 3 Monate berichtete er aus verwunschen Ecken, sogenannten Mikro-Nationen, in Europa.
Das verdient eine nochmalige Rückschau, die Bruno auch gleich selber erstellt hat und von mir lediglich überarbeitet wurde.


Bruno Schlatters Idee: hier

Der Einstieg zum Wegstieg: hier

Saugeais – Montbenoît

1) Angekommen: hier
2) Empfang bei der Präsidentin von Saugeais: hier
3) Kloster von Montbenoît: hier
4) Schengen anerkennt Noseland: hier

Os – Deudesfeld in der Eifel (Brasilien)

5) Os in Deudesfeld: hier
6) Deutschland hat gefeiert: hier
7) Fotos: hier
8) Leistungseinheiten und faulenzen: hier

Karboismus – Deudesfeld in der Eifel

9) Carbonismus und Mittelalter: hier
10) Versuch eines Versuches – mit neuen Links: hier
11) Jetzt geht’s los, mit Videos – Die Zoellner Hymne und die Präsidentin grüsst hier
12) Back to the Roots: hier
13) Fauler Tag: hier
14) Karls’ruhen – Der Neustart nach einer kurzen Heimkehr: hier

Freie Republik Schwarzenberg – Schwarzenberg

15) Erzgebirge olé: hier
16) Schwarzenbergs Geheimnisse erwandert: hier
17) Im Herzen der Freien Republik Schwarzenberg: hier
18) Von Heym bis Hiemer: hier
19) Kriegsgräber müssen bleiben: hier
20) Portwein mit Georg: hier

Bunte Republik Neustadt – Dresden

21) Neustadt – Neue Station: hier
22) Den Mann mit der gebrochenen Nase getroffen: hier
23) Nicht mein Tag heut: hier
24) Der Sonderzug nach Bunte Republik Neustadt rollt: hier
Fundstücke der Redaktion: Grappa, Scheune Dresden und Bury the Jumbo (Videos)
25) Eierchecke und terraimprovisiertes Museum: hier
26) Zügeltag: hier Videos zur Bunten Republik Neustadt: hier

Hüttenkunst und Autonome Republik Utopia – Berlin

27) Warten auf Hüttenkunst: hier
28) Der mit den Hühnern schlief: hier
29) Unruh stiften in einstürzenden Altbauten: hier
30) Warten auf Hüttenkunst hat sich gelohnt: hier
31) Jagd nach Spuren und erster Fahndungserfolg: hier
32) Glück im Unglück: hier
33) JudiHEEE... jetzt geht die Post ab: hier 2. Phase: hier
34) Nach Bogota dauert es länger: hier
35) Büsen ist im Keller!: hier

Dorfrepublik Rüterberg – Rüterberg an der Elbe

36) 1 mal Dömitz mit allem: hier
37) Gut, dass Ferien sind: hier
Die Post ist da und Schlatter durch die Luft dabei: hier
38) Einschub Autonome Republik Utopia: Schon wieder Neustadt – aber diesmal Dosse? Oder wat?: hier
39) Leben in Dömitz entdeckt... sogar ein Art Vorform des Nachtlebens: hier
40) Christel’s Anliegen: hier

Gängeviertel – Hamburg

41) Recherche kommt in die Gänge: hier
42) Lob des Fahrrades: hier
43) Von ‚schilliger’ Musik und wegweisenden Projekten für die Besetzerszene Hamburgs: hier
44) Home Sweet Home: hier
45) Wenig Schmerzen: hier
46) Riesencrevetten an Ingwer Kurkuma und Spät-Pizza: hier
47) Zweimal das erste Mal: hier
Ein König kochte für mich (Video): hier
48) Redaktion zu Besuch: hier
49) Der grosse KulTOURer: hier
50) Fauler Tag: hier

Zorten – Zorten bei Lenzerheide

51) Draussen vor der Leichenhalle: hier
52) Klaus Büsen – Das Original ist überbracht: hier
53) Über Gipfel und Grenzen: hier
54) Wenn Mettier sein Metier beherrscht!: hier
55) Lustiges Erwachen: hier
56) Bierminister als Verräter: hier
57) Kein Match heute: hier

Umamatlarumma, Republik Kugelmugel, Augartenstadt – Wien

58) Kleine Welt... kleines Wien: hier
59) Pissts am Morgen dämmerts am Abend: hier
60) Beforschen?!?: hier
61) Beforschen 2: hier
62) Wien ahoi – das neue Fahrrad ist da: hier
63) Aus der Hüfte schiessen: hier
64) Heute mal ohne Titel: hier
65) Kein Stagediven sondern Stadtdriven bis ans Ende: hier
66) Kriege sind am besten im Museum aufgehoben: hier
67) Mit allen Wassern gewaschen: hier
68) Zeit für den Narrenturm: hier
69) Hinter den Fassaden: hier
70) Über kurz oder lang: Langenegger ist an jeder Ecke: hier
71) Anschluss an Österreich geschafft: hier
72) In der Sackgasse: hier
73) Habe jetzt endlich ein Profil: hier
74) Wien schrumpft: hier
75) Liebende gehen immer auf den Kahlenberg: hier
76) Der dreifache Habib: hier
77) Das Wiener Publikum sitzt still, nur der Schlatter tanzt, wie er will: hier
78) Auf Fritz Mandelbaums Spuren geraten: hier
79) Klaus nimmt mich in die Mangel: hier
80) Ein freundlicher Tag: hier
81) Den Aktionsradius erweitert: hier
82) Ein Mozart kommt nie ohne Brahms, Schubert und Beethoven: hier
83) Der kleine Gürtel-Walk: von Maultrommeln und Tschick: hier
84) A Tschick ist kein Tschick: hier
85) Ehrenvolle Niederlage gegen den österreichischen Erzfeind: hier
86) Mein kleines Wunder von Wien: hier
87) Zwischen Augarten, Augartenstadt und Augartenspitz: hier
88) Wenn King Crimson Funk spielen würden: hier
89) Auf höchster Staatsebene Kontakte geknüpft: hier
90) Von der irrealen Augartenstadt in die reale Kafkawelt Wiens: hier
91) Mit den netten Damen am Telefon wäre Kafka anders geworden...: hier
92) Kultstück eines Volkes von Kuchenbäckern: hier
93) Stolzer Kultschalbesitzer wird in Wien reichlich beschenkt: hier
94) Noch mehr Behördenprobleme: hier
95) Wie ich Wiener Boden küsste und die Tage kürzer wurden: hier
96) Wie ich zu Freikarten zum Otto Lechner komme: hier
97) Wie es zur Republik Kugelmugel kam: hier
98) Als die Wiener subventionierte Schulreisen zu Kugelmugel machten: hier
99) Lerne neue Dimensionen Wiens in den Wohnbausiedlungen im 23. Bezirk kennen: hier
100) Baba! Bhüeti!: hier


noseland
nosenoise

Montag, 11. Oktober 2010

Schlatter unterwegs LXXXXVI: Baba! Bhüeti...

Bruno Schlatter teilt mit (Sonntag, 10.10.2010)

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Letzter Blick auf die U-Bahnstation

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Letzter Blick auf Wien

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The End

 

Am Abend eine letzte Einladung zu Kultschal, hoffe für ihre Schülerinnen, dass sie eine ebenso gute Lehrerin wie Köchin ist. Ein eröffnendes Gemüsesüppchen wird von einem feinen Pollo in Sauce begleitet mit Reis und Salat, als Abrundung Zwetschgenkompott, so wie sie ihn mag, die ganzen Zwetschgen nur leicht angeköcherlt. Lecker. Lerne dabei ihren Stiefsohn Philipp kennen, ein aufgeweckter 11-jähriger, der gerne turnt, bastelt und werkt. Er ist übers Wochenende beim Papa. Sollte Philipp Noseland gefallen, würden wir ihn glatt zum Fürsten ernennen, sein Stiefmama ist ja schon praktizierende Ministerin für “Raum für Kinder”, und dies sehr besorgt, wie wir vor Ort beobachten konnten. Dem Papa geht es besser als letzte Woche, aber in der Stimme liegt noch eine leichte Erkältung. Vielleicht sieht man sich schon bald in der Schweiz, falls Kultschal ihren Bruder in Bern wirklich mal besucht. Mach mich dann auf den Weg, die Familie muss noch packen, weil es anderntags auf den Berg geht!

Will ins B 72, nochmals so ein Lokal bei mir um die Ecke, aber das Konzert ist schon ausverkauft, weshalb ich in die Wohnung gehe und mir ein Bier genehmige um festzustellen, dass ich ziemlich müde bin und es reicht, mit polnischen Malern und türkischen Schriftstellerinnen zu chatten, ein zweites Bierchen zu schlürfen und schlafen zu gehen: ein völlig unspektakulärer letzter Abend in Wien, keine grosse Sause, nichts…

Aber ich stehe ja auch schon um 6 Uhr morgens auf und werfe die Waschmaschine an, für die Bettwäsche. Altglas, Altpapier und Abfall warten auf den Gang zu ihrem wohlverdienten Entsorgungsort, Toilette und Bad wollen noch geputzt, die übrig gebliebenen Böden mit dem nassen Lumperl gestreichelt und die letzte CD will erhört werden: Mozart, Sonaten für Klavier und Violine, K. 301, 304, 378, 379 mit der ehrenwerten Maria Joao Pires an den Tasten, 1991. Ein würdiger Abschluss, erhabene Gefühle, locker und leicht daherschwebend, die zweitletzte Sonate sogar passend sentimental.

Strahlendes Wetter, kein Wölkchen trübt den Himmel. Um 8.04 gönne ich mir – eher ungewohnt – ein Feierabendbier, denn was jetzt noch kommt sind Peanuts… heimreisen und am Abend den Blog abschicken. Denk, ich hab das Bier verdient nach über 3 Monaten täglichem Blog und tausenden anderen Arbeiten, die sehr viel Vergnügen bereitet haben! (Wobei ein grosser Teil der Arbeit erst jetzt beginnt!)

Der Zug will dann nicht pünktlich los. Im Zug kontakten und mailen und recherchieren, soweit der Funkstick funktioniert….

Nochmals Anmerkung zu den Fotoqualitäten: die miese Pixelzahl ist Konzept! Man kann das irgendwo in Phase 2 genau nachlesen.

Kleines Fazit: Ich habe viele tolle Menschen kennengelernt und unzählige Stunden Gespräche mitgenommen, neben einigen Kilo Papier, CDs, Bücher, Prospekte… und weniger schwer – wenn auch nicht weniger gewichtig – noch ein paar Mega- oder gar Gigabytes Daten. Und Erinnerungen, Gespräche, Gerüche, Gefühle, Eindrücke, Bilder, den Geschmack von Freiheit und die Gewissheit, dass die Utopien da draussen leben, dass es unterwegs Menschen gibt, die das Gleiche oder Ähnliches umtreibt, dass die grosse Mehrheit der Menschen freundlich ist, ein paar wenige vielleicht unzuverlässig und noch weniger sogenannte A…

Ich habe unterwegs von noch viel mehr ähnlichen Projekten erfahren und könnte noch jahrelang weiter reisen unter dem Motto ‚Mikronationen und Utopien‘. Ein RIESENDANK allen, die mich unterstützt, begleitet, beherbergt, verköstigt, ausgehalten oder was auch immer haben…

Weil die Namensliste ewig lang würde erwähne ich nur einen: Roger Levy, der wie eine Schweizer Uhr funktioniert hat: 97 Tage bereit! (Anmerk. der Redaktion: sie schweigt vornehm, wie ein echter Schweizer, parteilos und Nichtinhaber einer Bank).

Ich selber bin der Gleiche geblieben und komme trotzdem verändert zurück: das passt scho!

Baba! Bhüeti!

 

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Linknachlieferung: die Fotografin mit dem guten Auge, habe ich auch ganz kurz getroffen, wurde aber zu spät sensibilisiert

Noch ein Nachtrag: wir haben halt vorher nur miteinander gesprochen, jetzt habe ich gesehen, was Nurit Schaller macht

Mozart

Utopie


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Anmerk. der Redaktion: ... und klick, der letzte Beitrag ist online


Sonntag, 10. Oktober 2010

Schlatter unterwegs LXXXXV: Lerne neue Dimensionen Wiens in den Wohnbausiedlungen im 23. Bezirk kennen

Bruno Schlatter teilt mit (Samstag, 9.10.2010)

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Wohnbausiedlung (eine kleine Stadt für sich)

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Letzte Woche im Werk

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Habib & Kazoo

 

Am Abend gibt es Besuch. Erhalte ‚Den Hang zum Schönen‘. Ein frühes Werk von Christian Futscher mit einer Futschinho-Foto als Lesezeichen, schliesslich ist er der Spieler in der Österreichischen Nationalmannschaft mit der filigransten Technik, der unheimlichen Übersicht und den Pässen, die wie Seziermesser in die gegnerische Verteidigung schneiden. Freue mich auf seine Aufzeichnungen der Erzählungen von Frau Grete, einer typischen Wienerin, was den Nachteil hat, dass das Buch viel Wiener-Dialekt enthält, weshalb ich vielleicht nicht alles verstehen werde.

Langsam füllt sich der Tisch und ich kann meinen Kummer, Wien zu verlassen, in netter Damengesellschaft ertränken. Später gibt es Spaghetti mit Sauerrahm-Thunfisch-Pestosauce und Käsesalat. Spannenden Gesprächen folgt ein Besuch des Café Concerto, wo auch Kultschal wieder dazustösst, die zwischendurch mit einer Kollegin im Kino war. Bei Cuba Libre und hochinteressantem Mix aus altem Blues und Jazz – des ein wenig verdrückt in seinem Eckerl sitzenden DJ’s, den man eher als Versicherungsvertreter einschätzen würde – werden letzte Nettigkeiten ausgetauscht und gegenseitige Besuche versprochen.

Frühmorgens Mozart mit den Klaviersonaten K. 310 K. 333 und K. 545 interpretiert von Maria Joao Pires, 1989. Damit putzt es sich aus einem Guss. Starte mit der Stube, wechsle in die Küche und nehme die ersten Böden auf, um während der Trockenzeit einige Einkäufe zu erledigen.

Zum zweiten Putzeinsatz – ausnahmsweise auch mal eine zweite CD, so werde ich morgen die letzte der Haussammlung hören können – motiviert mich Chopin, Piano Concert No. 2, Royal Philharmonic Orchestra mit schon wieder Maria Joao Pires.

Weiterarbeit am Interview mit Judith Braband.

Um 3 treffe ich Peter Paul Skrepek am Margarethenplatz. Er war in den 80ern der Kulturminister in der Republik Kugelmugel. Er steht heute noch zum absoluten Herrscher Edwin Lipburger und seinen Ideen, hört aber seit Jahren nichts mehr von ihm. Ob dieser noch lebt, weiss er – wie viele andere – auch nicht genau, er habe wenigstens nichts vom Tode gehört, folglich lebe er, im Prinzip lebe Lipburger ewig. Skrepek ist ein scharfer Denker und Kritiker. Mit andern Ministern sei mal überlegt worden, die Macht an sich zu reissen im Staate Kugelmugel, aber die Macht Lipburgers sei letztlich sakrosankt. Er hat selber Konzerte in der Republik Kugelmugel drin gegeben und mag sich gut an ihr Aussehen erinnern.

Dann radle ich weit die Triester Strasse hinaus in eine neue Dimension Wiens, lande in der Vorstadt mit riesigen Wohnbauten. Ich werde der erste, der Walter Eckharts Wohnung das erste Mal ohne weitere Telefongespräche findet – nicht ohne den Kopf zu schütteln über die Kennzeichnungslogik der österreichischen Verkehrsplaner. Walter Eckart war mal Versicherungsvertreter, ist heute pensioniert und bewirtschaftet seine Latifundien als Wein- und Obstbauer, aber auch Autor, Uhudler-Verfechter und guter Freund von Robert Sommer und seit heute Minister für Fürstliches und Alkoholverwertung in Noseland. Der gewiefte Geschichtenerzähler beleuchtet mir die Augartenstadt aus seinem Blickwinkel mit dem Hinweis, dass es ihm dort wirklich sehr wohl sei, dass er akzeptiert werde und seinen epikurischen Vorlieben nachgehen dürfe.

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Maria Joao Pires

Peter Paul Skrepek

Walter Eckhardt und der Uhudler

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Samstag, 9. Oktober 2010

Schlatter unterwegs LXXXXIV: Als die Wiener noch subventionierte Schulreisen zu Kugelmugel machten

Bruno Schlatter teilt mit (Freitag, 8.10.2010)

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Einkäufe für den Chef, Roger darf sich freuen

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Archivbild: Café Hummel, meine W-Lan-Station

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Archivbild: First Fatal Kiss

 

Während dem abendlichen Salat schaue ich mir das Video ‚Gemma Gürtelkäfig‘, 2006, an. Doris Kittler präsentiert liebevoll eine Gruppe Jugendlicher, secondos aus allen möglichen Ländern, und zeigt ihre Lebensbedingungen, Träume und Sehnsüchte auf.

Am Abend im verein 08, Adam, der Amerikaner, ist extra aus Würzburg angereist für seine Premiere als Songwriter. Dass er auch Opern singt, hört man ihm an, was sich aber nett macht insbesondere, wenn er das Halleluja interpretiert. Ansonsten bringt er zuerst viele eigene Songs… und da muss ich ihm vorwerfen, zu viele: wir haben zusammen einen Ablauf entworfen, den er völlig über den Haufen wirft… na ja… Ich stelle die Idee Noseland und meine Reise der letzten 3 Monate vor und lese aus der Verfassung sowie einen Ausschnitt aus dem Gespräch mit Jörg Beier in Schwarzenberg. Die Republik Kugelmugel kennen die Leute hier natürlich, ich werde nachher an der Bar noch informiert, wie sie als Primarschüler subventionierte! Klassenausflüge dorthin gemacht hätten und ihnen imponiert habe, wie sie da Lipburger empfangen habe und ihnen erzählte, dass es auch möglich sei, andere Gesetze als diejenigen Österreichs zu denken. Werde zum x-ten Mal auf den State of Sabotage hingewiesen, diesmal von einem echten Staatsbürger desjenigen, womit schon wieder wichtige internationale Kontakte geknüpft wurden und es definitiv klar wird: ich brauche einen Sponsor, der mir die Reise für ein zweites Buch bezahlt: es gäbe noch so viele Projekte… (immerhin habe ich einen Partner zur Schaffung einer elektronischen Austauschplattform für die Mikronationale Union, die ich hoffe, gegen Dezember als Weihnachtsgeschenk präsentieren zu können).

Erfahre nebenbei auch über die Bedeutung der Grossen Nase (Big Nose) für die Juden in Amerika und dass ich als Jude wohl diesen Namen nicht gewählt hätte, womit ich hier öffentlich dementiere, dass der Name bei mir als Schimpfwort für dieselben steht!

Ansonsten anregende Gespräche mit interessanten Menschen, die durchaus auch Ministerien in Noseland anstreben könnten. Erhalte Lob für Verfassung von einem, der es wissen muss, Dominik Nostitz, dem Veranstalter des verein 08, weil er Recht studiert hat und über die Österreichische Verfassung abgeschlossen hat, insbesondere aus rechtlicher Sicht hätte ich sehr gute Arbeit geleistet.

Am Morgen gibt’s die letzte CD von Paul Urbanek, The Hans Koller Concept, 2000. Wohlgedachte und schöngeformte Klangerlebnisse für Liebhaber des gepflegten Jazz, der Virtuosität, Originalität und Witzigkeit vereint.

Mach mich dann mal auf den Weg um Einkäufe für den Levy (Anmerk. der Redaktion: Freude durchzieht meine Fantasie) zu tätigen und den Apéro zu bewirtschaften. Dann beginnt es mit Aufräumarbeiten und den ersten Auswertungsarbeit vom Interview mit Judith Braband zur Autonomen Republik Utopia, Ausschnitt:

Meine Eltern hatten mir gesagt, dass das nicht fertig ist, dass die Welt nicht so ist, wie sie in den Büchern beschrieben ist, sondern dass wir das erst machen müssen. Das war mir plausibel, also habe ich ja auch gesehen. Es gab ja viele Dinge die nicht gut waren. Ich wollte zu denen gehören, die sie verbessern. Auf diesem Weg bin ich bis in die Stasi gegangen als Spitzel und genau so bin ich dann auch wieder raus, als ich gemerkt habe, dass das ein Hohlweg ist und dann bin ich folgerichtig in dem gelandet, was man heute die Opposition der DDR nennt. Das ist zwar ein bisschen lächerlich, wir waren einzelne Menschen, kleine Gruppen, die versucht haben etwas zu machen. Aber damit hat es eigentlich angefangen. Mein Leben hat sich nicht gewandelt, darauf lege ich grossen Wert, das ist sozusagen aus einem Stück, es war von Anfang an immer dasselbe: die Suche nach einem guten Leben im Sinne mich in die Welt zu entwerfen als Mensch, der auch mit andern Menschen zu tun hat“.

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Hans Koller

Edwin Lipburger (hoppla, wieder mal ein Legasthenikerfehler, hab ein paar mal Edvin geschrieben, sorry)

State of Sabotage

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Freitag, 8. Oktober 2010

Schlatter unterwegs LXXXXIII: Wie es zur Republik Kugelmugel kam

Bruno Schlatter teilt mit (Donnerstag, 7.10.2010)

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Kollegium Karlsburg

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Nette Idee um CD’s zu verkaufen, Automat im Flex

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Dieter Schrage

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Wiener Beschwerdechor auf der Bühne, wo hie und da auch freundlich gewunken wird…

 

Abendprogramm im Flex, ein undergroundiges Lokal am Fluss. Der Augustin feiert 15 Jahre Jubiläum. Treffe Doris, die noch aufgewühlt ist von der vorherigen Demo und einem eher kühlen Empfang durch den Augustin, für den sie seit Jahren ja auch arbeitet. Später kommt auch der Doppelbürger und ich kann ihn von seinem Glück informieren, dass er im strengen Sinn, nun der per Selbsternennung der Bürger der Augartenstadt sein dürfe. Zum Start das Kollegium Kalksberg, Wiener Lieder mit Schmäh und viel Alkoholgehalt. Nicht immer einfach zu verstehen, aber durchaus eben so charmant wie ein kratziger Bart am Morgen mit Schnapsfahne.

Dann treffe ich Reinhard Prenn, den Propagandaminister der Republik Kugelmugel. Wir setzen uns in ein Café am Schwedenplatz (beim ÖVP-Anlass auf dem näheren Schiff fanden wir uns doch nicht richtig am Platz). Prenn erinnert sich, wie er zu den wenigen gehörte, die auch mal in der Kugel drin an einer Versammlung teilnahmen. Zum Schluss bietet er auf diesem Weg Edvin Lipburger den Rücktritt an, einerseits weil er rund 20 Jahre nichts getan habe, andererseits wohl auch, weil er nun genau durch mich und mein Interview in einem gewissen Sinn Amtsverletzung betrieb, widerspricht doch die Öffentlichkeitsarbeit seinem Auftrag, eben gerade auf Propaganda zu verzichten. Und kaum ist das erledigt, benimmt er sich wie sich ein wahrer Politiker benehmen muss und beantragt das Amt in Noseland! So treue Minister heissen wir sofort willkommen!

Zurück spielen die Ja, Panik im grossen Saal und zwar so laut, dass mir sogar zuhinterst – bei einem wohlgemerkt ruhigen Stück – die Ohren wackeln. Schnell wieder raus und den Doppelbürger bei Widerstandsarbeit ertappt. Erfahre von den Vorfällen in Stuttgart. Ja, so ist die Welt! Später rumpeln noch die First Fatal Kiss ihren Rumpelpunk. Schön, gibt es noch unbekümmerte junge Mädels, die sich trauen, ihr Ding durchzuziehen. Tönt schon ein bisschen wie die (Punk)- Väter, oder wärens schon die Grossväter, vor 30, 40 Jahren, als die ihre ersten Versuche in die Saiten hauten.

Am Morgen liest mir Anne Bennent Robert Walser-Texte vor, von musikalischen Intermezzi Otto Lechners begleitet, gwundrig, 2000. Schön, wieder mal die charmante, hinterhältige Poesie Walsers zu hören. War er doch mitverantwortlich, mich zu einem Phantasten zu machen. Arbeite aber nebenbei und werde mir das nochmals in Ruhe anhören müssen, tönt sehr gut.

Dann den Abend vorbereiten und ausdrucken im Internetcafé sowie Weiterarbeit am Krause-Interview.

Um 1 Uhr treffe ich mich mit Habib, ich darf ihm helfen einen kleinen Arbeitsbestätigungstext zu übersetzen, der ist wichtig für seine Aufenthaltsbewilligung, er muss als freischaffender Musiker mindestens 800 Euro regelmässiges Einkommen aufweisen.

Um 14 Uhr treffe ich auch noch Dieter Schrage, der in der Sargfabrik wohnt. Ausser dem alten Schlot wurde das ganze Gelände geschleift und neu gebaut und gilt heute als europäisches Vorzeigeprojekt für Wohnen, Arbeiten, Kultur und Bildung. Dieter Schrage ist 75, wirkt aber immer noch kämpferischer als manch 20ig-Jähriger. Er war in den 70ern für eine Bank als Kurator tätig und hat so den Maler Edvin Lipburger und auch die Ideen zum Bau des Kugelhauses kennen gelernt. Schrage erzählt, wie Lipburger dann, als die österreichischen Baubehörden den Bau des Kugelhauses verboten, dazu kam, die Republik Kugelmugel zu gründen und sich somit den österreichischen Republikgesetzen zu entziehen. Schrage hat die Kugelmugel, während sie noch im Bau war, besucht, sich aber später gedanklich von ihr entfernt, weil er in Projekten wie der Arena viel beschäftigt war. Dazu wurde er Vizedirektor des einen Hauses des damaligen Museums für moderne Kunst.

Um fünf bin ich bei der Tribüne beim Apollo und erwarte das Eintrudeln des Wiener Beschwerdechors, der heute eine kleine Tournee durch Wiens öffentliche Plätze macht. Erlebe mal was Neues: normalerweise geht ja das Handy im Publikum ab, hier wird der Spiess umgedreht und der eine Sänger, ausgerechnet der Doppelbürger, telefoniert noch, während der Dirigent ansetzt.


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Nachtrag VJ, der die netten Live-Animationen im Werk gemacht hat

Kollegium Kalksburg

Zehnsekundenstar

Phantasieren

Sargfabrik

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Donnerstag, 7. Oktober 2010

Schlatter unterwegs LXXXXII: Wie ich zu Freikarten zum Otto Lechner komme

Bruno Schlatter teilt mit (Mittwoch, 6.10.2010)

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Kunst bei Gazebo

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Erlaubter Durchgang beim Kandinsky-Café

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Währinger Friedhof vor der Freiwilligenarbeit


Den Abend verbringe ich bei Doris Kittler und ihrem legendären moquito, den sie mit Minze aus ihrem Balkongarten braut, wobei sie erst nach missgefälligem Probieren DEN NICHT UNBEDINGT ABDINGBAREN Zuckerrohrschnaps beigibt. Ich werde ausgiebig mit Filmmaterial aus ihrer Kamera versorgt. Im Prinzip warten wir auf Otto Lechners Anruf, der verspätet vom Studiotermin zurückkehrt. Wir theoretisieren und erklären gegenseitig Dasein, trinken Rotwein und hören als vorläufige Kompensation eine Cd mit Musik von Otto Lechner.

Um 22 Uhr ist es dann soweit. Otto Lechner kommt heim, der Studiotermin war verzögert worden, weil sie am Vortag einen mehrstündigen Stromausfall zu beklagen hatten, in drei Quartieren Wiens. Wir kaufen unterwegs Bier und treffen ihn in seiner Küche, wo wir den Altbürgermeister der Augartenstadt ausfragen und unter anderem erfahren, dass sich seine potentielle Nachfolgerin gemäss alter Grundregel der Augartenstadt doch gefälligst einfach mal als neue Bürgermeisterin deklarieren soll. Auch das Bürgerproblem ist aus seiner Sicht keines, da der Bürger sich ja als solches bezeichne, sei er automatisch eben derjenige! Erfahre zum Schluss, dass Otto Lechner schon bald in Wädenswil sein Robert Walser – Programm präsentiert, wozu ich durchaus 2 Freikarten bekäme und bei der geographischen Nähe auch ein Spontanbesuch Noselands abgewogen werden müsse. Sollte da draussen in der weiten Welt jemand Robert Walser schätzen und mich begleiten mögen, solle sie/er sich doch melden… (Anmerk. d. Redaktion: Ohne Datum, keine Nachfrage – von mir)

Leider ist es irgendwann zu spät, um die 2 anderen Projekte zu besuchen, die auch noch im Terminkalender gestanden hätten. Underground City ist beendet und ins Luftbad fehlt mir die Kraft.

In die Nacht noch ein ausgiebiges Chatterl über Gott und die Welt, wobei ich erfahre, dass ich Otto Lechner sympathisch sein müsse, ansonsten er mich unter den gegebenen Umständen nicht empfangen hätte, dazu seien seine Gesichtszüge immer sehr entspannt gewesen.

Morgenessen mit Barbara Wolflingseder und ihren Geschichten aus den Wiener Bezirken, Ottakring, 2009. Die geschichtliche Entwicklung wird aufgerollt, die Wiege des Wienerliedes erklärt und am Brunnenmarkt eingekauft.

Erstelle mp3-Dateien von den gestrigen Interviews für Robert Sommer und versuche Ordnung in meine Computerdateien zu bringen. Im Café Hummel netzworken und Einladungen für Abschiedsapéro schreiben (sniefff… langsam muss ich mich mit der bitteren Realität rumschlagen, dass ich jetzt, wo es richtig losginge, wieder zurück muss in den Ernst des Lebens… Aber ich verspreche Wien, wieder zu kommen!)

Den Nachmittag arbeite ich das restlich Material zur Hüttenkunst und Klaus Büsen durch und starte mit dem Interview mit Wolfgang Krause, Ausschnitt:

Wir sprachen über ein Projekt in unserer Galerie U2, dabei ist die Idee entstanden, eine eigene Währung zu kreieren und auch wirklich ein Netzwerk zu schaffen, dass man mit diesem Geld bezahlen kann. Das war im Herbst 1993 und nach einer längeren Vorbereitungszeit haben wir über 50 Künstler quer durch die Szenen Berlins eingeladen, Geld nach einem vorgegebenen Muster zu entwickeln, zu zeichnen, in einer Auflage von 100 Stücken herzustellen und als nummerierte Exemplare zu signieren. Da waren Leute vom Tacheles dabei, von End-Art, ganze junge Künstler, aber auch arrivierte wie Klaus Steck, oder Henning Christiansen, der dänische Fluxuskünstler.

Wir fanden hier 30 Geschäfte die bereit waren, über einen Zeitraum von 7 Wochen diese Währung zu akzeptieren. Der Begriff Knochen geht auf Diogenes zurück, er wollte verhindern, dass man Geld hortet, und schlug vor, das Geld aus den Schlüsselbeinen von Widdern zu machen, dass hatte den Vorteil, wer die Schlüsselbeine hortet hat mit Mäusen zu tun, hat damit zu kämpfen, dass es fault, das Horten ist also nicht so einfach möglich.“

Um 5 Uhr ruft mich noch Dominik Nostitz an und wir vereinbaren, dass ich am Donnerstagabend im Verein 08 an der Piaristengasse einen Einblick mit Lesung zu meinem aktuellen Projekt gebe.

Heute gibt’s nur Archivbilder, das fotografieren ist vergessen gegangen.

//LINKS//

Konzerttermine von Otto Lechner in Wädenswil

Ottakring

Robert Sommer

//LINKS ENDE//


Mittwoch, 6. Oktober 2010

Schlatter unterwegs LXXXXI: Wie ich Wiener Boden küsste und die Tage kürzer wurden

Bruno Schlatter teilt mit (Dienstag, 5.10.2010)

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Jonas Lehtinen

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Fritz Ostermayer

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Doris Kittler und Robert Sommer

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Kurzer Tag der der offenen Tür

 

Am Abend küsse ich zuerst den Wiener Boden: die Tramgeleise sind sehr glatt bei Regen, weshalb ich vom Radl stürze und wieder einmal meine exzellente Falltechnik aus Kunstturnertagen ausspielen kann. Habe Glück, dass mir niemand drein fährt. In der Innenstadt lerne ich die Wiener Polizei kennen, habe zuerst das Gefühl, es sei, weil mein Licht im Regen nicht geht, aber die überfreundliche Politesse klärt mich auf, dass ich in der Fussgängerzone bin und die nächsten 5 Meter zu Fuss gehen müsse.

Mein Weg führt ins Theater Nestroy (Carmen und Wolfgang sind auch da), wo uns der Untergrund begegnet. Nach einer typisch österreichischen Eingangsrede von winzigen 45 Minuten erwartet uns ein super Keller mit Kunst, die sich deutlich im Progress befindet (aber vermutlich trotz ihrer schwierigen Auffindbarkeit, diffizilen Kleinheit und voraussichtlich unerreichbaren Beendigung über ein grosses Budget verfügt). Der Finne Joonas Lahtinen liefert eine rund 40-minütige Performance, weil er Nathalie sucht, aber eigentlich gar keine Kinder von ihr will. Dann folgt der Kult Fritz Ostermayer (realisiere dann später, dass ich ihn schon mal als DJ im Rhiz erlebt habe), der – in grauem Anzug mit weissem Hemd – über Punk referiert: ‚Die Leichen sollen sich schleichen‘. Zwischendurch lerne ich den Bergwerksarbeiterstaat-Präsidenten kennen, der die historischen Vorläufer zelebriert, die dazumals in Kroatien schon einen freien Staat ausriefen und niedergemetzelt wurden. Werde die neue internationale Beziehung versuchen, diese Woche zu vertiefen!

Als dann brüchige Frauenstimmen die letzte Performance starten, lockt mich Kultschal ins Rhiz, das ich eh als Nachfolgeprogramm vorgemerkt hatte. Dort spielt Moebius aus Berlin – in St. Gallen geboren – seine Loops, Effekte und Maschinchen. Die nette Dame an der Kasse erkennt mich zwar, will aber trotzdem Eintritt, weil sich Presse per Mail anzumelden habe: Puhhh….: Wieso ist spontane Presse unerwünscht (Anmerk. der Redaktion: Das wird den Studenten eben an den Schulen so eingetrichtert – immer schön anmelden und die Veranstalter meinen, dass es so sein muss, weil es doch “da oben” so vermittelt wird). Der Moebius checkt worum es geht und wühlt eine CD aus der Tasche seiner Frau, die normalerweise eben das Verkaufsgeschäft regelt. Der Roedelius sei übrigens im Publikum gewesen. Kultschal könnte mir jeden einzelnen Namen nennen, der im Nestroy gewesen sei, als sie erfährt, dass der Ostermayer gelesen hat.

Den letzten Zweigelt gönn ich mir bei Jurek im Panigl, der frisch gebräunt und gut gelaunt von einer griechischen Insel kommt.

Am frühen Morgen gibt es den moebius, kram, 2009. Es zappelt und rappelt in der Kiste, eene meene moe und bius. Erquickliche Klänge werden zusamengeflickerlt und mit Filtern bearbeitet, dass es einen ans Herz rührt. Ein Altmeister der elektronischen Klangerzeugung ist frisch geblieben.

Um 10 Uhr treffe ich mich in der Augustin Redaktion mit Robert Sommer, (Chef)Redaktor des Augustin, Programmleiter im Aktionsradius, Stadtrat für Intergalaktische Beziehungen und Osterheiterung in der Augartenstadt. Er kann als Mitbegründer des Projektes berichten und weiss bestens Bescheid, wie eine Stadt einen Leerraum braucht, damit sich das Volk jederzeit erheben könnte, wird dann aber der Fragestellung nicht gerecht, ob dann die Augartenstadt diesen Leerraum vielleicht vergebens habe – mangels Bürger, Volk eben. Interessant die Idee, dass eine Stadt aus allen unterschiedlichen Elementen bestehen müsse und der Ansatz, das afrikanische Palaver anstelle des gängigen Justizsystems zu setzen.

In der zweiten Runde kehrt er den Spiess um und nimmt mich und die Noseländische Idee in den intellektuellen Schwitzkasten. Doris Kittler ist auch vor Ort, um zu filmen, wie ich filme. (Anmerk. der Redaktion: Ha, da macht ja jemand genau das, was ich auch liebe – Kompliment weiter geben!)

Anschliessend essen wir zusammen und ich treffe 2 Lehrerinnen – die besser anonym bleiben, angesichts der hier herrschenden Mentalität, dass Schulbesuche über den zentralen Chef zu bewilligen sind. Wir wollen den Tag der offenen Schul besuchen, stellen aber fest, dass wir um 15 Uhr – der nette Schüler, der uns Verirrte betreut, sagt es gnädig, ein paar Minuten zu spät sind. Der Tag der offenen Tür dauert von 8.00 – 10.00 Uhr, damit das werktätige Volk auch ja genug Zeit hat, sich einzufinden. Wir besuchen noch die Schule, wo die 2 Lehrerinnen arbeiten, dort hat offiziell gemäss Anschlag genau 1 Lehrsaal die Funktion der offenen Schule, ist aber um die Zeit leer. So nehme ich kurz Einblick ins Lehrerzimmer und ein Klassenbuch und wir diskutieren das eine oder andere Problem, das sich in unseren Schulsystemen stellt.

Nachher marschieren wir zum Naschmarkt um einen Hopfentee zu geniessen. Weil in der Ecke ein Grüner Abgeordneter fürs Europaparlament Volksnähe zeigt, politisieren wir über die Hintergründe, dass die Schweiz nicht in der EU ist und ob sie nun ein Schurkenstaat sei oder nicht.

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Underground City 21 Vienna

Joonas Lehtinen

Dieter Moebius

Doris Kittler

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Dienstag, 5. Oktober 2010

Schlatter unterwegs LXXXX: Noch mehr Behördenprobleme

Bruno Schlatter teilt mit (Montag, 4.10.2010)

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nee. am Werk

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Leo Riegler

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Archivbild: Klaus Büsen am Werk


Nach ungewohntem nachmittäglichem Schlaf wanke ich ins Café Hummel, erledige den gestrigen Blog und verschicke einige dringende Mails. Danach gibt’s einen feinen Salat, als Hauptspeise Spätzle an rotem Pesto und ein Stündchen Arbeit. Den Rest des Abends verbringen wir am 3. Abend des Viennese Soulfood Festivals im Werk. Wir hören gerade noch den Schluss von den Playbackdolls, die wir schon vor langer Zeit im Rhiz gesehen und gelobt haben. Sind wirklich cool, haben was von Waits & Co, gehen Richtung charmante Urbanität. Spielen unter anderem auch das Themerin wie ein nettes Akkordeon.

Anschliessend ‚nee.‘, ein Trio der strengen Art, Computer plus zwei Bläser. Aufgrund des einen Stückes, dass sie einem Kritiker widmen, der sich getraute zu sagen, dass Jazzer ihre Scheuklappen behalten und nur spielen sollten, was sie können, unterlasse ich jegliche Kritik, aber natürlich auch, weil ich sie wirklich spannend fand: zwischen modernstem Jazz und e-Musik. Die dürfen ruhig mit den Scheuklappen zwinkern.

Zwischendurch werde ich noch von einem Musiker gefragt, der nicht mal spielt heute, ob er mir seine CD’s schicken darf, ich sei doch der Radiomann aus der Schweiz, was ich wirklich lobenswert finde. Hören wir uns gerne an.

Als drittes kommt Leo Riegler, unbeschreiblich, was der abzieht zwischen Comic und Music, unter anderem auch die Kleider. Persiflage reiht sich an lockere Sprüche, untermalt von DJ-Parts und Computer, ein Song darf ruhig auch mal der Oma gelten.

Den Abschluss machen Ephraim Juda aus Berlin, gut gespielt, aber eher durchschnittlicher Reggae on the sunny side of life. Spannend der Drummer mit Cachon statt Pauke und Mikro für den Mundbass. Habib gefällt das, der sich nach dem Fussballspiel, das Tunis in der afrikanischen Champions-League leider verlor, auch ins Werk gesellte. Wien tanzt immerhin mal. Bleibt zu vermerken, dass Viennese Soulfood ein spannendes, vielseitiges Programm anbot, mal kunstvoll, mal popiger, ein Label mit Zukunft.

Am Morgen tänzeln Tini Trampler & Die Dreckige Combo durch die Stube mit ‚Eiscrème – Raspoutine‘, 2009. Deutsche (Liebes)Lieder mit Schwung. Die rauchige Stimme von Tini, sie ist auch die Sängerin der Playbackdolls und hat mir die CD am Vortag geschenkt, erzählt von Boten der Liebe, natürlich von Eiscrème, vom überschwänglichen Leben und trunkenen Gefühlslagen zur Musik, die von Polkaeinflüssen und Zigeunermelodien lebt. Akkordeon und Cello verleihen zusätzlichen Charme.

In der Wiener Verwaltung komme ich einen Schritt weiter, der Sekretär von Häupl weiss zwar nichts über die Republik Kugelmugel, verweist mich aber an den Pressesprecher, welcher dann leider gerade am Sprechen ist (was immerhin beruhigt: da macht einer seinen Job). Die nette Sekretärin nimmt meine Daten auf und verspricht, dass man sich bei mir melden wird.

Gehe dann die Kugelmugel-Unterlagen kopieren, lasse mich für den Funkstick beraten, werde aber zuhause nur Mails lesen können und setzt mich wieder mal ins Hummel für meine halbe, tägliche Ration W-Lan…

Den Nachmittag verbringe ich damit, die Interviews mit Klaus Büsen zu verwerten. Der hatte ja auch Vergnügliches mit den Behörden erlebt, Ausschnitt:

 „Und dann fand ich das ganz doof, die Schwarzhändler mussten gar nichts nachzahlen, aber gut, die hatten ja gar nie bezahlt, das habe ich dann wieder eingesehen, aber ich fand es einen Mist, weil ich ja im Recht war. Da ging ich zum Anwalt, weil mich die Polizei dahin geschickt hatte, weil die mir sagten, sie arbeiten ja gar nicht mit dem Ordnungsamt zusammen, die sind ja städtisch und die wollen nur Geld verdienen, wir sind ja auf Ihrer Seite und wir wollen ja die Skulptur nicht abräumen, weil wir die ganz toll finden. Aber beeilen Sie sich, die vom Amt haben nämlich so grosse Bagger. Ich sagte dem Anwalt, dass ich Angst vor den Baggern hätte und ob er wisse, was wir da machen können. Klar, meinte er, einstweilige Verfügung. Das kostet 360 Euro und mir geben Sie 500 Euro. Fragte ich warum. Weil ich der Beste bin! Wir gewinnen den Fall. Sagte ich, okee, ich hatte ja auch Angst und habe dann alles durchgelesen, was der Anwalt hätte lesen müssen und habe ihm alle die Texte geschrieben, dann hat er seine 500 Euro gekriegt und wir haben den Fall gewonnen, weil die einen grobfahrlässigen Fehler gemacht haben, nämlich die Termine nicht eingehalten. Dann habe ich gelernt, wenn man im öffentlichen Raum Termine macht, dann gewinnt man meistens.“

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Das Werk

Nee

Einlinienzeichnung von Klaus Büsen

Tini Trampler & Die dreckige Combo

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Montag, 4. Oktober 2010

Schlatter unterwegs LXXXX: Stolzer Kultschalbesitzer wird in Wien reichlich beschenkt

Bruno Schlatter teilt mit (Sonntag, 3.10.2010)

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Wien bei Nacht

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VJ produziert seine Bilder live

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Stolzer Kultschalbesitzer

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Mein Werk, vorher sah man die drei Steine nicht…

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Wiener Hüttenkunst im Gazebo

 

Nach einem kleinen ‚Hin und Her‘-Chat werde ich zu Kultschal zum Nachtessen eingeladen. Sie habe ich am Pombösen Marsch für den Augartenspitz kennengelernt. Wir sind letztlich fast Nachbarn. Ich darf vom Dach einen pompösen nächtlichen Blick über Wien und dann Blutwurst mit feinen Gemüsen geniessen. Zum Dessert erfahre ich, wie Kultschal zu ihrem Namen kam und kriege sogar einen wirklich königlichen Kultschal geschenkt.

Zusammen fahren wir an den Einsiedlerplatz – ihren Mann lassen wir bronchitisgeschwächt zu Hause. Im ‚Kulturhafen‘ hat Salah Addin sein Konzert begonnen. Der Sudanese spielt die elektrische Gitarre und singt, dazu trommelt wieder mal der hervorragende, ewige Habib Samandi inklusive Kazoo, links wirft die Iranerin Tahere Nourani aka Tata ihre Querflötenpralinen ein, sie hören wir auch schon zum dritten Mal. Musikalisch reisen wir zwischen Afrikablues, Afrobeat und ‚Sufi- Hoppeln auf dem Kamel durch die Sahara‘. Die drei ergänzen sich hervorragend, lösen sich ab und spielen einander die Melodien zu.

Für die Museumsnacht ist es anschliessend zu spät, auch die endet schon abends. Deshalb probieren wir ‚Das Werk‘, wo sich Vienna Soulfood an einem kleinen Festival präsentiert. ‚Das Werk‘ ist ein relativ neuer Club um die Ecke bei Kultschals Wohnung, sie war aber noch nie dort. Wir tauchen in einen dunklen Innenhof wo die Security zum Flüstern ermahnt und stechen in ein riesiges Kellergewölbe, wo gerade die ‚Blind Idiot Gods‘ intelligenten, modernen Rock von der Bühne brettern. Ein toller Club mit Stil, guter Musik und durchmischtem, jungem Publikum. Ein bisschen alt kommen wir uns schon vor.

Als zweites spielen die Cheesevibes eine Mischung aus Reggae, Ska und Hip-Hop, ehe ‚antiehdas‘ den Abend mit seiner Laptop-Electronic beschliesst: zwischen Minimal und Maximal, eiernde, repetitive Beats von einer herrlichen VJ-Animation begleitet. Der junge Künstler bereitet seine Bilder live auf der Bühne, benutzt zum Teil vorgefertigte Strukturen und zeichnet vor Ort, fotografiert und verarbeitet die Bilder direkt im Computer zu trickfilmartigen Sequenzen.

Da wurde ich wieder einmal verwöhnt von Wien!

Den Sonntagmorgen starte ich mit Salah Addin & Friends. Holy Holy, 2002, die CD habe ich mir am Vorabend von der Managerin ergattert. Sofort scheint die Sonne Afrikas in der Wohnung. Inspirierte Afromusik, diesmal mit ganzer Band, mal wie Reggae, mal Gospel, mal Maliblues (aber halt aus dem Sudan), mal Blues. Vom traditionellen inspiriert in die Gegenwart hinein und darüber hinaus…

Um 10 Uhr treffe ich am Eingang zum Jüdischen Friedhof die Grünen und andere Freiwillige: wir helfen den verwilderten Friedhof, den die Stadt leider nicht pflegt, obwohl darüber ein internationales Abkommen besteht, von der allgemeinen Rosenüberwucherung zu befreien. Normalerweise ist der Friedhof geschlossen: zu gefährlich. Wir müssen deshalb ein Formular ausfüllen, das bestätigt, das wir auf eigene Haftung das Areal betreten (auf eigene Gefahr: eine Warnung die man hier übrigens ständig an jeder Ecke trifft). Bis 11 Uhr habe ich 3 Grabsteine freigelegt und mich dabei gefühlt, wie die Figur in meiner Novelle ‚Abgang, Fertig, Aus‘, die sich aus dem riesigen Dornengebüsch befreit, das ihr ein freies Leben verunmöglicht hatte.

In der nun folgenden Führung erfahre ich davon, dass dieser Friedhof die Debatte ausgelöst hat, was denn Österreich nun sei, so weisen Stadt und Land Wien die Verantwortung von sich, sie seien nicht Österreich und hätten dieses internationale Abkommen nicht unterschrieben, und der Staat befindet, dass er ja eigentlich eben genau aus den Städten und Ländern bestehe. Und so debattieren sie noch heute. Auch weiss ich nun über die Gräberausrichtung nach Osten Bescheid und frage mich jetzt noch, ob bei der Auferstehung der Toten am jüngsten Gericht, wirklich alle den Weg nach Jerusalem finden, aber die Welt ist ja zum Glück rund, selbst wenn sie sich nicht umdrehen und gegen Westen gehen, kommen sie irgendwann in Jerusalem an. Leider dauert es 45 Minuten, bis wir die ersten paar Meter der Führung machen, mir scheint, die Österreicher neigen zu ausführlichen Veranstaltungen. Nach etwas mehr als einer Stunde habe ich immerhin einen kleinen Teil des ältesten Gräberfeldes begutachtet und verabschiede mich.

Ich radle quer durch die Stadt zur Vernissage von gazebo bei der werkstatt h an der Schönbrunnerstrasse 61. Dort treffe ich den Esel, der das ganze organisiert (und auch die Website, von der wir letzte Woche berichtet haben). Ich höre leider nur noch den letzten Satz der Vernissageansprache, werde aber mit einem reichhaltigen Buffet vertröstet und erhalte eine kleine Privatlektion über den Off-Space, der für mich ein wenig Hüttenkunst in Wien darstellt. In der Hütte läuft die Aktion Bird-Karaoke, man kann seine Vorstellung eines Vogeltones abgeben, was dann als Soundcollage später abgespielt wird. Es treffen hier Street-Art auf Lichtkunst, bildende Kunst auf Workshops. Das ganze Projekt dient spartenübergreifendem Austausch und der Vernetzung von Menschen und Ideen.

Zurück arbeite ich kurz und verabschiede mich später zu einem erschöpften Tagesschlaf ins Bett.

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Salah Addin

Vienna Soulfood

Jüdischer Friedhof

Gazebo

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Sonntag, 3. Oktober 2010

Schlatter unterwegs LXXXIX: Kultstück eines Volkes von Kuchenbäckern!

Bruno Schlatter teilt mit (Samstag, 2.10.2010)

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Der Conférencier in der Arena-Bar, der etwas Mühe hatte, diese Rolle einzunehmen…

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Der internationale Stargast, hier noch erzählend…

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Archivbild: Dresdner Gebäck (von der trockeneren Sorte)

 

Den Abend verbringe ich im ‚Puff‘. Die Arena-Bar wird seit längerem vom Aktionsradius in monatlichen Abständen auch kulturell bespielt. Heute ist Premiere für den literarischen Event ‚Bar ohne Eigenschaften‘, der in Zukunft hie und da Poesie in die Separees bringen soll. Zuerst referiert ein Trio des ‚Instituts für Zeitgenössische Kulturgeschichte‘ über verschiedenen Thesen den Austropop betreffend. Es folgt Rainer Krispel, der sein Manuskript des Punkromans ‚Der Sommer als Joe Strummer kam‘ vorstellt mit dem Kapitel über den Besuch eines Ramones-Konzerts in Amsterdam. Nach der Pause wird ein Geburtstag ausgiebig gefeiert, wozu Krispel noch ein Kapitel, das dem Geburtstagskind gewidmet ist, vorliest. Dann folgt der Wiener Erfinder des Rap, Christian Schreibmüller, der witzig skurrile Wortkombinationen akrobatisch vorträgt, leider immer mehr ins dialektische Wienern abschweift und mir so das Verständnis zunehmend verunmöglicht. Zum Schluss der internationale Star, also ich, der ich kurz von meiner Reise und dem aktuellen Projekt erzähle um dann zweideutiges aus ‚Unter die Latte‘ vorzutragen. Rede zum Schluss noch lange mit Renate und nachher nochmals mit Alois.

Den späten Samstagmorgen versüssen mir Maria Joao Pires und Ricardo Castro, die Franz Schubert interpretieren, ‚Résonance de l’originaire‘,2004. Dramatische Fantasie und abgerundete Rondos reichen sich die Hände. Gejammert wird nicht, womit ich überglücklich werde.

Weniger glücklich bin ich über meine Internetsituation. Es scheint als habe der bisherige Gratis-W-LAN-Zugang per 1. Oktober die Wohnung (oder zumindest das Modem) gewechselt. Muss mir also eine Pre-Paid-Karte besorgen, was hier in Österreich offensichtlich nur über Datenmenge und nicht über Tagespauschalen läuft. Werde also öfters ein W-Lan-Restaurant aufsuchen in Zukunft und sonst sparsam online sein.

Am Nachmittag wird gearbeitet.

Ich fahre am Kapitel über das friedliche Volk von Kuchenbäckern in der Dresdner Neustadt weiter:

Anett Lentwojt zeigt mir ein Kultstück der Sammlung über das Volk der friedlichen Kuchenbäcker (jeder Interviewpartner erwähnt begeistert das Kuchenbacken zum verkaufen oder verschenken!), ein Waffeleisen, das inklusive Text dem Museum geschenkt wurde: „Mit diesem Waffeleisen fing alles an. Vor ungefähr 11 Jahren, ich war damals acht, … Da wir damals noch kein Waffeleisen hatten, bekam ich dies von meiner Grossmutter mit einem Super-Rezept. Unterdessen haben wir ein neues Waffeleisen und einen neuen Standplatz, aber unsere Waffeln schmecken immer noch gleich gut. Wer einmal da war, kommt immer vorbei!“

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The Ramones

Christian Schreibmüller

Bunte Republik Neustadt-Museum
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Samstag, 2. Oktober 2010

Schlatter unterwegs LXXXVIII: Mit den netten Damen am Telefon wäre Kafka anders geworden...

Bruno Schlatter teilt mit (Freitag, 1.10.2010)

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Der Fernseher im Klubhaus

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Stempel der Universellen Republik Kugelmugel

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Sonderbriefmarke der Liga der Enttäuschten

Sehr gesprächig wäre der Propagandaminister von Kugelmugel, auf jeden Fall strahlt er, erstens, weil er so viel Unterlagen zum Thema gefunden und mitgebracht hat, und zweitens, weil wir – mit ‚wir‘ meine ich die Österreichische Literatennationalmannschaft im Fussball – mit 4:3 gegen die SPÖ-Fraktion des Wiener Parlaments (somit die Anhänger vom Häupl) siegen, wobei ich zu meiner persönlichen Bilanz sagen muss, dass ich mit zunehmender Kurzsichtigkeit Flutlichtspiele immer mehr meiden muss, so haue ich in der 15. Minute mit dem linken Fuss voll in den Boden, womit statt einem wunderschön getimten Flanke ein Ball mehr beim Gegner landet und ich durch den Rest des Abends humple. Weiter bleibt die Erkenntnis, dass ich an meiner Kondition arbeiten muss. Eben, gesprächig wäre er gewesen, der Propagandaminister, als wir es dann probieren fehlt die Ruhe im Lokal respektive das Licht draussen, weshalb wir das Interview vertagen und ich zuerst mal die Unterlagen mitnehme und studiere. Zuallererst schauen wir die Uefacup-Spiele am Fernsehen im Clublokal und verbrüdern uns bei einigen Bieren… es entsteht unter anderem die Idee, dass die Schweizer Literatennationalmannschaft nächstes Jahr zum Augustin-Cup eingeladen werden sollte. Entgegen meiner Selbsteinschätzung erhalte ich einige Komplimente: die Verteidigung sei gut gestanden!

Irgendwann die längere Radlfahrt zurück in den 8. Bezirk, wo ich zu müde bin um in den Ausgang zu hinken und kurzerhand noch ein wenig arbeite, ich bringe das Interview mit Guido Bock aus der Neustadt Dresden zu Ende..

Es kommt wie es kommen musste, humple heute morgen durch die Wohnung, ganz im Gegensatz zu ‚Mopedrock‘ die durch die Gänge röhren, wieder mal von Montpellier bis Bözen. Nur in WC und Bad ist es ihnen zu eng. Habe gestern die CD von Andreas Leikauf erhalten, es ist eine Zusammenstellung älteren Materials und der neuen Sachen, die bald erscheinen sollten. Ein paar wirklich erfrischende Songperlen darunter.

Stelle das Video ‚Einlinienzeichnung‘ für Klaus Büsen fertig und stelle es auf YouTube. Beginne anschliessend das Gespräch mit Sebastian Schwenk zur Bunten Republik Neustadt auszuwerten.

Das erste Telefon ins Rathaus bringt dann nicht Kafka, sondern zuerst mal einen epischen Wienerwalzer, ehe eine nette Stimme mir erklärt, dass die zuständige Person soeben weg gegangen ist und ich es in einer halben Stunde nochmals probieren darf.

Kaufe kurz ein, unter anderem weissen Sturm (wie Sauser), was sich als schwierig erweist in der Plastikflasche, die nicht ganz geschlossen wird wegen dem Gärungsdruck und deshalb überall schäumt und überquillt.

Beim zweiten Versuch werde ich auf den Nachtmittag vertröstet. Zum Glück gibt’s heute Telefon, bei Kafka irrten sie dafür jedes Mal durch die Gänge.

Der dritte Versuch, freundliche Stimme: „Leider ist er noch nicht da, in einer halben Stunde circa…“

Der vierte Versuch wird dann per Automatik umgeleitet zur Zentrale, welche mich ins Nebenamt vermittelt, wo ich zuerst wieder schöne klassische Klänge höre, bis mir eine nette Dame die Ausgangsnummer meines Telefons geben will. Nach meinem Insistieren, dass ich ja genau von dieser Nummer her käme, werde ich aufgeklärt, dass in dem Fall wohl niemand mehr im Büro sei und ich es am Montagmorgen probieren dürfe! Danke! Gerne!

Studiere also mal die Akten von Kugelmugel und der daraus hervorgehenden Liga der Enttäuschten.

Die Zeit reicht noch, um das Interview mit Günter Starke zu verarbeiten und zu merken, dass die Bunte Republik Neustadt ein friedliches Volk von Kuchenbäckern ist. Ausschnitt:

Ich wüsste zwar auch heute keine Alternative, mir würde es reichen, wenn unser Grundgesetz – das keine richtige Verfassung ist, richtig angewendet würde. Aber dagegen wird ständig verstossen. Da steht zum Beispiel, Eigentum verpflichtet, sein Gebrauch soll der Allgemeinheit dienen, wo wird das verwirklicht? Dann gibt es den Paragraph 21, glaub ich, die Parteien wirken an der Willensbildung des Volkes mit, aber meiner Meinung halten die Parteien das ganze Land fest im Griff. Es gibt keine Sache, die man ohne Zustimmung und Mitarbeit irgendeiner Partei machen kann. Wo ist da der Bürger frei? Ich denke die Natur des Menschen ist nicht so stark veränderbar, Gier und Neid werden eben immer bleiben, deshalb funktionieren andere Gesellschaftsmodelle, zum Beispiel das sozialistische, eben nicht.“


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Video Einlinienzeichnung von Klaus Büsen:

Franz Kafka ‚Das Schloss‘
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Freitag, 1. Oktober 2010

Schlatter unterwegs LXXXVII: Von der irrealen Augartenstadt in die reale Kafkawelt Wiens

Bruno Schlatter teilt mit (Donnerstag, 30.9.2010)

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Adrian Coriolan Gaspar

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Gefechtsturm über Augarten

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Alois, der Vizebürgermeister der Augartenstadt

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Kafkas Gänge?

 

Habib lud mich heute zu einem speziellen Konzert ein. Dafür wurden wir von seiner Kollegin nach Eisenstadt chauffiert. Ich liess mich mal überraschen. Lange sassen wir im Saal und fragten uns, ob wir im richtigen Saal seien, was wir hörten war weder Roma-Musik noch eine Symphonie. Ich persönlich fühlte mich irgendwie vom Leben beschissen, da schmeiss ich mir am Morgen extra eine Jazz-CD rein, die nicht der Reihenfolge der Sammlung entspricht – und somit meinem Konzept widerspricht – nur um diesen Jammerarien zu entgehen, die mich in den letzten Tagen beschäftigten und was passiert: da sitze ich in einem klassischen Konzertsaal und höre Jammerarien!!! Aber irgendwie ist es wie mit dem Freejazz: so richtig live geht’s irgendwie, da wird es richtiggehend spannend…

Kaum sind wir da, ist schon fertig. Wie wir dann aber feststellen ist erst Pause und das, was wir eigentlich hören wollen kommt noch! Sehr gut!

Und wir werden mit einer wunderbaren Symphonie beehrt, die der erst 23-jährige Adrian Coriolan Gaspar komponiert hat. Es ist die Österreichpremiere, das Philharmonieorchester Bacau hat das Werk schon in Rumänien aufgeführt. Die Musik ist zudem Filmmusik im Werk der Mutter des Komponisten ‚Dui Roma-Zwei‘. Das Werk (wie der Film) beschäftigen sich mit der Verfolgung, Inhaftierung und Vernichtung der Roma in der Nazizeit. Der junge Komponist vertont die Erzählungen eines KZ-Überlebenden, der auch anwesend ist. So macht Orchestermusik Spass! Zwischendurch läuft es einen kalt den Rücken runter, weil die inneren Bilder die Tragödie zeigen, dann wieder gleitet man friedlich dahin. Es wird mir bewusst, wie alltäglich auf der Reise durch Deutschland und Österreich das Nazithema im Vergleich zum Schweizer Alltag ist und frage mich, ob es nicht auch ein wenig ablenkt von aktuelleren Fragestellungen.

Nach der Rückkehr zeigt sich wieder einmal, dass das Fahrrad dem Auto in der Grossstadt überlegen ist. Von der Taubstummengasse zum Café Concerto am Gürtel oben habe ich weniger lang als Habib mit Kollegin, ich habe nämlich den Keller schon inspiziert und treffe die beiden oben, wie sie gerade reinkommen: die leidige Parkplatzsuche…

Auf den Polyphonen Inseln sollen schon hohe Wetten abgeschlossen worden sein, dass Schlatter unterwegs zum Liebhaber der klassischen Lieder konvertiert. So soll er am 30.09. 2010 zum morgendlichen Arbeiten Angelika Kirchschlager angehört haben, die Lieder von Korngold bis Mahler interpretiert (der Zufall will es so: in Eisenstadt aufgenommen, allerdings im Schloss), 1996. Das Piano wird von Helmut Deutsch kompetent befingert. Schlatter soll gemäss Paparazzis geschmunzelt haben…

Um 11 Uhr treffe ich Alois im Aktionsradius, weil er aber ein Nachtmensch ist, dauert es, weshalb ich zuerst den Augarten besichtige. Nachher führe ich mit dem amtierenden Vizebürgermeister ein ausführliches Interview zur Idee der Augartenstadt und erhalte eine Stellungnahme zu dem Skandal, dass das Bürgertum in dieser Stadt verzweifelt um Anerkennung kämpfen muss. Es bestätigt sich, dass Augartenstadt auch an internationalen Verflechtungen interessiert ist.

Auf dem Rückweg atme ich Kafkas Luft, begebe mich in die vielstiegige Landschaft des Wiener Rathauses auf der Suche nach einem Zuständigen für die Republik Kugelmugel. Aber, um ehrlich zu sein, es sind alle so nett und zuvorkommend, gleich zu Beginn erfahre ich von der netten Dame am Empfang nach einer kurzen Recherche am Computer, dass eine Klage gegen Herrn Bürgermeister Häupl am Laufen ist. Sie fragt mich auch ein wenig aus und will natürlich wissen, warum man auf die Idee kommt, eine Mikronation auszurufen. Als ich von Protest, Fantasie und der Freiheit im nichtrealen Konzept auszusprechen, was im Realen eben nicht geht, rede, muss sie ein wenig schmunzeln. Sie versorgt mich mit der zuständigen Bezirksadresse und dirigiert mich in Richtung Präsidialkanzlei, wo ich – vom freundlichen Wachmann weitergeleitet – beinahe zum Sekretär von Häupl vordringe, der ist aber nicht im Haus, weshalb ich mich morgen telefonisch melden darf. Wollen wir schauen, ob die offizielle Seite gesprächiger ist, als die Kugelmugelseite, oder ob der Kafka recht hatte…

Zurück in der Wohnung die sportphysiologisch richtige Ernährung, schliesslich steige ich heute das dritte Mal für die österreichische Literatennationalmannschaft in die Hosen..

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Mehr über die Symphonie

Bürgermeister Häupl, nebst Kugelmugel auch in die Augartenspitz-Geschichte involviert

Ausschreibung Lesung, da werde ich kurzfristig interlesieren
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Donnerstag, 30. September 2010

Schlatter unterwegs LXXXVII: Auf höchster Staatsebene Kontakte geknüpft

Bruno Schlatter teilt mit (Mittwoch, 29.9.2010)

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Otto Lechner, der Altbürgermeister

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2 Windhunde

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Ganz Links am Saxophon der 1. Ze(h)n-Sekundenstar

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Adolf Loos Gartenbaukonzept (Anfang)


Interessantes Telefongespräch, ob ich an einer öffentlichen Gesprächsrunde teilnehmen würde, es gäbe 30 Euro plus Buffet, es ginge um Medien. In der Befragung scheitere ich daran, dass ich mit Medien zu tun habe, da bin ich offensichtlich überqualifiziert und scheide aus… eigentlich schade: wäre doch eine Erfahrung gewesen!

Dennoch geht’s nochmals zum Aktionsradius11 am Augarten, dort erzählt der Altbürgermeister Otto Lechner von seiner Afrikatour, die ihn mit Windhund und künstlerischer Begleitung von Sansibar bis Nairobi führte. Lerne den sympathischen, blinden Superakkordeonisten in der Pause dank meiner Österreichkorrespondentin und dem Doppelbürger auf höchster Staatsebene kennen, ich denke, das ergibt noch ein Interview mit einem Herrn, der was zu erzählen weiss und dem Schmäh nicht fremd steht. Erfahre anschliessend nebenbei, dass vermutlich Robert Musil (man verzeihe mir, dass ich es nicht nachrecherchiere) mal gesagt habe, dass Wien die Stadt sei, in der sich die Hauptstrasse, nämlich der Ring, selber in den Arsch krieche und dass es sich vermutlich lohnen würde, selbiges Phänomen soziologisch zu untersuchen (oder es kämen zum Beispiel türkische Ethnologen, wenn es die denn gibt… um eben dies zu tun. Persönliche Anmerkung: gibt es eigentlich laufende Projekte von senegalesischen Ethnologen in der Schweiz???). Erfahre auch noch, wo ich am Freitag so spontan ins Leseprogramm reinrutsche (da kann man ja gespannt sein, stelle ich fest, beim recherchieren zu später –oder früher- Stunde: Info folgt).

Möchte dann unterwegs die Kriminacht heimsuchen, ein gross angekündigter Event, steche deshalb ins allseits bekannte Café Landtmann am Ring, aber da herrscht vornehme Totenstille, die Herren seien schon alle um die Ecke gebracht, die wahren Krimis fänden jetzt draussen auf den Strassen statt. Der endlich mal nette Kellner in Wien und ich sind uns einig, dass man wohl eher von Krimiabend sprechen müsse, denn gemäss Programm ist überall fertig…

Also ins Luftbad, wo Habib Samadi jamt. Ich entschuldige mich zuerst beim Chef für die gestrige Kritik an der Website, das habe ich verwechselt, weil ich täglich so viele konsultiere, bleibt aber die Erkenntnis, dass man sie verbessern kann. Der arme Kerl Habib trommelt sein Trömmelchen relativ verdrückt, wird an den Gesang abgedrängt und gibt schliesslich auf. Lerne noch das VJ-Girl Chero kennen, den Saxophonisten Mister Marillo, den ich filmen wollte, was mir vom Sänger verboten wurde, der sich dann die ganze Zeit als Chef aufspielte und wild ins Mikro hudelte, worauf ich beschloss, den Mister Marillo zu meinem ersten 10 Sekundenstar zu machen.

Die Session als solches überzeugt nicht so wie am Vortag, das VJ und Livepainting weiss zu gefallen, musikalisch überzeugt der DJ und sonst niemand. Gehe dann mal nach Hause.

Paul Urbanek im Trio am Morgen vertreibt Vorabendgejammer und Sorgen: ‚a matter of time‘, 2008. Mit Raphael Preuschl und Lukas König verzaubert Urbanek die Welt, es darf gespielt werden, geächzt, gejammert und jubiliert. Verschiedene Gäste an Altsaxophon und Harmonica verleihen den Kompositionen zusätzliche Identität. Angenehm abwechslungsreiche Jazzmusik.

Unterbreche die später aufkommende Arbeitswut durch einen Besuch des Architekturzentrums im Museumsquartier. Eine kleine, aber feine Ausstellung über die österreichische Architektur der Moderne in internationalem Kontext präsentiert. Verschiedene Themenbereiche werden mit Fotos, Film und Originaldokumenten beleuchtet, man könnte sich einiges länger vertun und in die einzelnen Materien eintauchen. Alte Bekannte wie der Marx-Hof, der Heldenplatz oder die Frankfurter Küche tauchen wieder auf. Interessant die Ansätze von Adolf Loos zum Gartenbau und Bodenbesitz.

Bald wieder zurück zur Arbeitswut, am Abend geh ich mit Habib auf Tour.

Ausschnitt von heute zum Schwarzenberger Mythos:

Die unbesetzte Zone hatte keine Zeit, sich um Verfassungsfragen zu kümmern, der Aktionsausschuss sah sich auch nicht als Staatswesen sondern versuchte, das Überleben zu organisieren, dazu wurden verschiedene Aufrufe an die Bevölkerung mit Plakaten gemacht. Der erste Aufruf gab die Machtübernahme bekannt und erliess die dringendsten Regeln: der Verkauf von Lebensmitteln ohne die vorgeschriebenen Lebensmittelabschnitte wurde untersagt, Lebensmittel und andere Gegenstände des täglichen Bedarfes wurden beschlagnahmt um sie gerecht zu verteilen, Ruhe und Disziplin wurde von der Bevölkerung verlangt, das eigenmächtige Holzschlagen im Wald war verboten, ebenfalls das eigenmächtige Requirieren von Gegenständen. Später wurde der Umgang mit NSDAP-Besitz geregelt, der der Öffentlichkeit übergeben werden musste.‘


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Otto Lechner

Mani, der 1. Ze(h)n-Sekundenstar

Mani Marillo

Architekturzentrum
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